Ab wann darf man als trauernder Mensch wieder lachen?

Ich meine so richtig schallend lachen. Oder auch als Ausdruck tief empfundener Freude von Herzen lächeln, von einem Ohr zum anderen.

Wenn das Trauerjahr vorbei ist? Oder schon nach sechs Monaten? Nach sechs Wochen? „Nein, das ist zu früh, das geht doch wirklich nicht“.

Es gibt wirklich interessante Ansichten zu diesem sehr persönlichen Thema.

Was steht hinter der Frage?

Ab wann gestatte ich mir selbst, wieder Freude zu empfinden?

Ist meine zum Ausdruck gebrachte Freude ein Zeichen dafür, dass ich nicht mehr trauere oder das mir der Tod meines Angehörigen nicht nahe geht?

Wie wichtig ist mir die Meinung anderer über mich? Was sie über mich sagen oder denken könnten?

Ich glaube, in erster Linie geht es darum, ab wann ich mir selbst erlaube, Freude zu empfinden. Ab wann darf ich irgendetwas, das mir begegnet, schön oder gar amüsant finden? Ab wann darf ich dieses Gefühl durch meinen Gesichtsausdruck und ab wann durch stimmhaftes Lachen zum Ausdruck bringen?

Gegenfragen:
Wie lange willst du dich dazu zwingen, keine Freude empfinden zu können? Wem ist damit gedient, dass du dich von allem fern hältst, dass dein Herz erfreuen könnte?

Glaubst du wirklich, es ist ein Ausdruck deiner Liebe für den Verstorbenen, wenn du dir die Freude versagst? Bzw. ein Zeichen dafür, dass du  anfängst, ihn zu vergessen oder gar nicht ‚richtig‘ getrauert hast? Oder ist es vielleicht mehr die Angst, was andere von dir denken könnten, wenn sie dich lachen oder zumindest lächeln sehen?

Jeder Trauernde kann diese  Frage nur für sich selbst beantworten. Ich möchte dich dazu einladen, dich zu fragen, ob du vielleicht ein kleines bisschen mehr Freude zulassen kannst. Ja, es geht um das Zulassen.

Denn Freude ist ein natürlicher Zustand von uns Menschen. Nur haben viele – auch Menschen die nicht trauern – verlernt, ihrer Freude Ausdruck zu verleihen. Das muss nicht immer durch schallendes Gelächter sein.

Am Anfang lächelt vielleicht nur unser Herz. Weil wir beispielsweise einen wunderschönen Sonnenauf- oder Untergang sehen. Oder weil wir eine schöne Erinnerung haben. Und hier ist es an uns, ob wir diesem Gefühl Raum geben wollen, oder ob wir es zurückdrängen. Du kannst das ‚Freude empfinden‘ trainieren. Denn du hast möglicherweise schon lange keine Freude mehr gefühlt. Vielleicht hast du dich sogar gefragt, ob du jemals in deinem Leben wieder Freude empfinden kannst. Oder ob die Freude für alle Zeiten aus deinem Leben verschwunden ist.  Wenn du magst, nimm dir jeden Morgen Zeit und schreibe dir zehn Dinge auf, für die du Wertschätzung oder Dankbarkeit fühlst. Das können ganz banale Dinge sein, wie die warme Dusche, die dir wie selbstverständlich jeden Tag zur Verfügung steht. Oder das Dach über dem Kopf. Oder eine Begegnung mit einem Menschen, die dir gut getan hat. Schon alleine die konsequente tägliche Beschäftigung mit dem, was dir trotz aller Trauer an Gutem widerfährt, kann dir helfen, wieder Freude zu empfinden.

Für mich ist es überhaupt kein Konflikt, zu trauern und gleichzeitig Freude zu fühlen. Natürlich trauere ich um meine Tochter. Und es gibt natürlich auch schwere Momente. Aber wenn ich mich über etwas freue, dann freue ich mich. Und wenn ich etwas lustig finde, lache ich. Diese Gefühle geben mir Verbundenheit mit dem Leben.

Sie geben mir die Kraft, die ich brauche, um hier zu bleiben. Um mein Leben als positiv wahrzunehmen und JA zu sagen.

Die Freude am Leben gehört zu dem ganzen Spektrum dazu. Sie auszuklammern würde bedeuten, dass ich mein Leben nicht mehr annehme. Das ich einen Teil davon ablehne, weil ich ihn mir selbst nicht gönne.

Und das ist völlig fehl am Platz für mich. Ich bin hier, ich will leben. Ich will ein gutes Leben.

Was andere darüber denken, wenn sie mich lachen sehen?

Ganz ehrlich: Das ist mir piep-egal!

Nur ich laufe in meinen Schuhen. Nur ich habe meine Gefühle. Nur ich lebe mein Leben. Und nur ich bin dafür verantwortlich, was ich daraus mache.

Ich wünsche allen, die um einen geliebten Menschen trauern, viel Selbstliebe. Und die Bereitschaft, Freude zuzulassen. Denn ich glaube fest daran, dass es kein besseres Heilmittel für unser Herz gibt als die Freude.

Wer sich Unterstützung in diesem Prozess sucht, darf mich gerne kontaktieren.

 

11 Comments

    1. Liebe Regina, ich bin sehr froh, dass es für mich im Zusammenhang mit den Themen Tod und Trauer kein Tabu mehr gibt. Und ich freue mich besonders, wenn Menschen durch meine Gedankenanstöße ein wenig Erleichterung erfahren. Liebe Grüße, Elke

  1. Liebe Elke,
    ein trauriges, aber wichtiges Thema!
    Trauer ist wichtig für den Verarbeitungsprozess, natürlich, aber sie sollte die Lebensfreude nicht auf ewig verdrängen.
    Wenn ich mich freue, obwohl ich einen Verlust erlitten habe, bin ich doch kein schlechter Mensch. Da hast du völlig recht.
    Danke für das Erinnern daran.

    Herzliche Grüße
    Sabine

    1. Liebe Miriam, da hast du zweifellos recht. Und je mehr man die kleinen und größeren Glücksmomente wieder in sein Leben lassen kann, desto besser heilt das Herz. Ich wünsche dir alles Liebe und Gute auf deinem Weg! Liebe Grüße, Elke

  2. Ich habe bei mir auch festgestellt, dass ich da in einem ziemlichen Kopfgebastel festhänge, wie „Trauer“ auszusehen hätte. Wir werden zu wenig mit Tod und Trauer konfrontiert, um da echte Alternativen zu entwickeln zu dem, was gesellschaftlich als „richtig“ angesehen wird.
    Danke für deinen Input, liebe Elke, und dafür, dass du dieses Thema so wunderbar füllst und bereicherst!
    Herzensgruß
    Sabine

    1. Liebe Sabine, danke für deinen Beitrag! Ich glaube der einzige Weg, „richtig“ zu trauern, ist der, den man selber als richtig fühlt. Der Tod eines geliebten Menschen ist aber erst mal ein solcher Schock, dass wir den Zugang zu unseren Gefühlen verlieren. Ich glaube, das ist auch ein bisschen der Überlebensmodus, der einsetzt, wenn man so eine Nachricht bekommen hat. Ich kenne das von mir, ich war erst mal in einer Art Schockstarre , und wollte lieber gar nichts mehr fühlen wollte, als diesen Schmerz wahrnehmen zu müssen. Das bewusste Atmen zum Beispiel hat mir geholfen, die Starre zu lösen und wieder Zugang zu meinen Gefühlen zu finden. Und irgendwie war ein Urvertrauen da, das ich das schaffen und überleben würde. Und dann war meine Entscheidung da, mich mit einem großen JA auf alles einzulassen, was kam. Auf alle Gefühle, auf alle Aufgaben. Mit meinem JA kam die Kraft und auch das intuitive Wissen, was gerade richtig für mich war. Es kam zum Glück niemand auf die Idee, mir zu sagen, ich sollte irgend etwas anders machen. Und ich habe mich und mein Verhalten nie in Frage gestellt.

  3. Danke Dir für Deinen Beitrag, Dein Sein und Wirken, Elke. Das ist so wertvoll.

    Als ich die Frage der Überschrift gelesen habe, dachte ich mir sofort: ganz klar, SOFORT! Und dann merkte ich ein tiefes, trauriges ‚ja, aber… das darf man ja nicht‘.

    Dieses Verbot gilt – wie mir bewusst wird – für beide Seiten. So dass man auch als Begleiter eines Trauernden nicht lachen ‚darf‘ und das erst mal ausgegrenzt ist. Dabei ist das so schade, weil jedes ehrliche Lachen, das einfach da ist – in welcher Situation auch immer – so wertvoll ist. Und ganz oft liegt Lachen und Weinen ja auch nah beieinander…

    Das zeigt oder macht mir bewusst, wie stark ‚konditioniert‘, erzogen und begrenzt wir sind. Letztendlich ist ja auch das Teil des Loslassens, sich eben nicht ‚besonders‘ verhalten oder gar zusammenreißen zu müssen, sondern einfach zu SEIN, mit dem, wie es dann ist. Lachend, weinend, wie auch immer.

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