Den Frosch küssen…

Den Frosch küssen

Oder:

Annehmen was ist um  Ausrichtung zu finden.

Gestern sah ich einen Beitrag von Eckart Tolle „Küss den Frosch“ 

Und ich fühlte: Ja, genau so ist es. Genauso habe ich es erlebt, ich habe den Frosch geküsst. An die Wand werfen hätte sicher auch funktioniert, aber mit erheblicher Zeitverzögerung.

(Für die Leser, denen das Märchen vom Froschkönig nicht geläufig ist: Die Prinzessin wurde von dem Frosch aufgefordert, sie zu küssen. Sie weigerte sich standhaft, weil sie ihn so abscheulich fand. Schließlich warf sie ihn an die Wand, und siehe da – er verwandelte sich in einen Prinzen.)

Welchen Frosch habe ich geküsst?

Der Frosch war in meinem Fall die von menschlicher Sicht aus unerträgliche Situation, die meine Tochter mit ihrem selbstgewählten Tod geschaffen hatte. Sie hatte in einer Freitagnacht mit Absicht ihren Körper verlassen. Unwiderruflich war die Silberschnur durchtrennt – durch ihre Hand. Nichts konnte sie zurück in ihren Körper bringen.

Die Situation war geschaffen. Sie war da. Und sie nahm 100% meines Lebens ein.

Meine erste Reaktion? Wahrscheinlich ähnlich wie die jeder Mutter oder jeden Vaters in diesem Moment: Schreien, weinen, nicht glauben wollen, und fern von jedem Verstehen.

Nach einiger Zeit, als ich mich sozusagen ‚leer-geweint‘ hatte, kam die Erkenntnis:

Die Situation ist schon da. Ich kann versuchen, sie zu bekämpfen und Widerstand dazu aufbauen durch mein fortdauerndes NEIN.  Oder durch Erklärungsversuche, warum sie es getan hatte. Oder indem ich mich oder eine andere Person als Schuldigen identifiziere.

All das wäre aber ‚Verstandes-Geplapper‘. Es wäre der hilflose Versuch, eine Situation zu bekämpfen, die durch nichts in der Welt veränderbar war. Es wäre der (verständliche) Versuch, dem Gefühls-Tsunami Einhalt zu gebieten.

Ich hatte all das getan und gemerkt, dass es nicht dazu führte, dass ich mich besser fühlte. Im Gegenteil.

Die Alternative war, ganz sanft zu versuchen anzunehmen, was ist. Das hört sich pragmatisch an, war aber für mich ein sehr energiesparender Modus. Natürlich führte das nicht augenblicklich dazu, dass ich mich wieder heil und glücklich fühlte. Aber es führte dazu, dass ich immer öfter fühlte, auf einem Weg zur Heilung zu sein. Ich glaube, je früher wir nach einem solchen Ereignis anfangen, zu akzeptieren (oder aufhören dagegen zu kämpfen) indem wir uns weit machen und es in unsere Lebensrealität hinein lassen, desto eher können wir heilen.

Was meine ich mit ‚weit machen‘?

Andere Frage: Wie mache ich mich eng, wie mache ich mich zur Gefangenen in meiner Realität?

Indem ich die Situation beurteile und bewerte, indem ich sie ablehne, indem ich meinem Verstand zuhöre und ihm folge. Und wenn es 1000-mal das ist, was jeder in dieser Situation macht – die Frage ist immer, ob es MIR DIENLICH ist, es genauso zu machen.

Weit mache ich mich zum Beispiel durch Folgendes:

Ich komme durch bewusstes Atmen oder Meditation zur Stille. Das bringt meinen Verstand zur Ruhe.

Ich sage JA. Durchaus laut, wie ein Mantra. Ja, alles darf sein, so wie es ist. (wir erinnern uns: es IST ja bereits). Was noch fehlt, ist unser JA zu dem, was ist. Unsere Bereitschaft, es bedingungslos anzunehmen.

Als wir auf dem Weg zur Wohnung meiner Tochter waren nachdem mich die Polizei angerufen hatte und ich zwar ahnte, dass etwas passiert war, aber noch nichts Genaues wusste, empfing ich von meiner Tochter dieses Mantra:

Alles ist gut, genauso wie es ist. Genauso wie es ist, ist es gut.

Damals wusste ich nicht, dass sie mir diese Sätze übermittelte. Sie waren in dieser Situation des größtmöglichen Stresses einfach da.

Ich hörte auf, nach Schuldigen zu suchen und so meinen Verstand zu füttern.

Die innere Stille und mein all-umfassendes JA führten dazu, dass ich weit genug wurde, um die neu geschaffene Situation in meine Lebensrealität hineinzulassen. Das Tor, das ich mit meiner Entscheidung, die neue Situation anzunehmen ein Stückchen geöffnet hatte, stand nun weit offen. Ich war bereit, ihr einen friedvollen Platz zu geben.

Und ich spürte, dass die Heilung meiner Wunden eine Frage der Zeit sein würde. Das war meine ‚Belohnung‘, mein Prinz in übertragenem Sinne. Die Heilung fand statt, weil ich bereit war, die Situation – auch wenn ich sie abscheulich fand – zu umarmen.

Ja, alles ist gut. Alles ist gut, genauso wie es ist.

 

8 Comments

  1. Liebe Elke

    ein ganz wunderbarer Text. Du hast so eine wunderbare Gebe mit deinen Worten das Herz zu berühren und Stellen mit Licht zu füllen, die dunkel sind. Vielen Dank für dein SEIN und deine tiefgreifende Co-Creation mit deiner Tochter.

    Alles Liebe
    Denise

  2. Liebe Elke,

    als eine, die Deine anfänglich schwere Zeit mittragen durfte, bin ich sehr angerührt von Deiner so herzlichen und liebevollen Offenheit, die ich von
    der ersten Stunde unseres Zusammentreffens, trotz aller Erschütterung, spüren konnte. Mit Deinem Buch und Deinem jetzigen Schritt in die Öffentlichkeit gehst
    Du Deinen mutigen Weg weiter und wirst anderen Menschen ganz sicher Trost, Hoffnung und auch Vorbild sein.
    Glücklich und dankbar Dich nicht aus den Augen verloren zuhaben sende ich
    Dir liebste Grüße,
    Regina

    1. Liebe Regina,
      in dir und deinem InMemoriam Institut habe ich so viel Annahme und so viel liebevolle Unterstützung gefunden. Im Nachhinein erst bin ich mir bewusst geworden, wie wichtig diese ersten Tage waren, dieses sich-gut-aufgehoben-fühlen, vertrauen können, an die Hand genommen werden ohne etwas übergestülpt zu bekommen.Danke nochmals für alles!
      Elke

  3. Wie wichtig und wie schön, dass du und deine Tochter diese Botschaft „Alles ist gut, so wie es ist.“ in die Welt tragen. Und auch wenn ich merke, dass mein (Mutter)Verstand diese Entscheidung deiner Tochter nicht erfassen kann, fühlt mein Herz und meine Seele jedes Wort hier mit dir und ist in Frieden.
    Umarmung und Herzensgruß,
    Sabine

    P.S. Ich liebe die Helligkeit und die lichtdurchflutete Aufmachung deiner Webseite hier. Es spiegelt genau das wieder, was du in die Welt trägst. Sehr schöne Farbwahl!

    1. Liebe Sabine,
      danke für dein schönes Feedback! Ja, auch mein Mutterherz schreit manchmal immer noch NEIN. Aber meine Seele weiß, alles ist gut. Unsere tiefe und liebevolle Seelenverbindung währt ewig. Die Liebe zwischen uns ist unzerstörbar. Und sie nährt mich jeden Tag.
      Meinen besonderen Dank für dein Kompliment zur Farbwahl! Ich fand es anfangs etwas mutig, aber wenn du als Fachfrau zustimmst – was will ich mehr?
      Elke

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