Der Tod als Spielverderber des Lebens?

Das Thema Tod und Trauer ist in unserem Land, in unserer Kultur, von einer unsäglichen Schwere geprägt.

Außer dem Pfarrer will kaum jemand etwas mit diesem Tabu-Thema zu tun haben oder darüber reden. Es hat keinen Platz in unserem Leben. Höchstens wenn es um Sterbehilfe für Todgeweihte geht, diskutieren wir mir. Da geht es ja in den meisten Fällen auch um andere.

Der Tod ist der Spielverderber des Lebens. Nachrichten über den Tod eines Menschen den wir gekannt haben schocken uns, berühren uns, machen uns unsicher – je nachdem wie weit weg oder wie nah derjenige war.

Der Tod ist wie eine Seuche, von der wir hoffen, verschont zu bleiben.

Jedenfalls so lange wie irgend möglich. Wir haben diesen kindlichen Glauben, wenn wir nur nicht so viel über ihn reden, wenn es uns gelingt jeden Gedanken an ihn sofort wieder zu verdrängen, wird er uns nicht treffen. Der Gedanke an den Tod in unserer Familie ist so schmerzhaft und so undenkbar, dass wir ihn schnell beiseite schieben.

Wir blenden ihn einfach aus. Sterben tun immer nur die anderen. Nicht wir und niemand aus unserer Familie.Wir wollen ein langes Leben und das in Gesundheit und Freude.

Wir bilden uns ein, wir und alle die wir lieben und die zu unserem Leben gehören, werden mindestens 90 Jahre leben. Und schön der richtigen Reihenfolge nach sterben. Und selbst wenn der Tod die richtige Reihenfolge eingehalten hat, unser Vater aber erst 70 ist bei seinem Tod, sind wir wütend, verzweifelt, trauern endlos über versäumte Jahre.

Ist es aber nicht so, dass die Begrenzung unseres Lebens durch den Tod  das Leben erst wertvoll macht?

Ich wurde in eine Religionsgemeinschaft hineingeboren, die an ewiges Leben auf dieser Erde glaubt. Ganz ehrlich: der Gedanke daran hat mich schon als Kind verrückt gemacht. Tausend Jahre leben, und dann wieder tausend und nochmal…..und alles in Harmonie und Glück und Gesundheit.

Ich war 26 als ich dieser Religion den Rücken kehrte. Es dauerte einige Zeit, bis ich mich von den Lehren, die ich von Kindesbeinen an in mich aufgesogen hatte, befreien konnte.

Eines sonnigen Tages führte mein Weg aus der Stadt zurück zur Wohnung durch den Park. Meine Kinder spielten auf den Spielgeräten und ich war in Gedanken versunken.

Plötzlich traf mich ein Gedankenblitz: „Ich darf alt werden und sterben! Hurra! Mein Leben ist begrenzt!Ich muss nicht mehr ewig leben, mein Leben endet irgendwann, juchhe!“

Nein, ich hatte nicht den Verstand verloren. Eine gewaltige Bürde fiel mir von den Schultern. Und plötzlich war das Leben  viel wertvoller geworden, viel lebenswerter und spannender. Wenn Leben nie endet, ist ein Tag wie der andere. So ein bisschen wie in dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Nur durch die Begrenzung, durch das Wissen, dass wir maximal 80, 90 Jahre Zeit haben, beginnen wir zu planen, zu überlegen, was wir mit diesem Leben anfangen wollen.

Durch diese plötzliche Erkenntnis erhielt ich einen gewaltigen Energie-Schub! Ich fühlte mich frei und glücklich – weil mein Leben ein Ende haben würde.

Wir verlieren manchmal aus den Augen, was für ein Geschenk das Leben doch ist. Und vertrödeln Tage, Wochen, Monate und Jahre damit, unglücklich zu sein, nicht das zu leben, was wir eigentlich leben möchten, und wir verschieben unsere Pläne, die wir mal hatten auf eine unbestimmte Zeit in der Zukunft.

Wie wäre es, wenn wir unser Leben wie einen Traumurlaub betrachten könnten? Vom ersten Tag an wissen wir, dass wir in drei Wochen wieder in unser Zuhause zurückkehren werden. Darum genießen wir jeden einzelnen Tag, ja jede einzelne Stunde.  Wir erfreuen uns an den kleinsten Dingen, nehmen die Natur wahr, wie wir es zuhause schon lange nicht mehr tun. Wir sind gut gelaunt und verlieben uns neu in unseren Ehepartner. Wir genießen die fremden Gerichte, wir erfreuen uns an den Klängen der Musik und saugen den Duft des Landes mit all unseren Sinnen in uns auf. Jeder Tag ist ein Fest.

Warum betrachten wir unser Leben nicht auch so?  Als ein Fest, das irgendwann endet.

Warum nicht die Gewissheit des Endes als Aufforderung betrachten, jeden einzelnen Tag zu dem besten unseres Lebens zu machen?

Wenn ich mal gehe, möchte ich sagen können:
„Ja, es war wunderbar! Es war reichlich, ich habe viel gelacht und auch geweint, es war voller Wunder und Geschenke. Ich habe Hindernisse überwunden und Ziele erreicht. Ich habe es genossen und geliebt. Ich bereue nichts und ich habe nichts versäumt. Ich habe gelebt!“

 

 

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