Gibt es ein Heilmittel gegen Abschiedsschmerz?

Es war ein Kommissar mittleren Alters, der mir als allererster die Warum-Frage stellte. Ich hatte gerade 15 Minuten zuvor erfahren, dass meine Tochter sich in der Nacht zuvor das Leben genommen hatte. Nun stand er vor mir und nachdem er mir sein Beileid ausgesprochen hatte, stellte er die Frage:

Haben Sie irgend eine Ahnung, warum Ihre Tochter nicht mehr leben wollte?

„Nein“, antwortete ich. Und ich erzählte ihm, dass sie kurz vor der Abgabe ihrer Masterarbeit stand und dass sie nicht immer glücklich mit ihrem Freund war und dass sie letztes Wochenende noch bei uns war. Eine Antwort auf sein ‚Warum? ‘ war das nicht.

Ausnahmslos in jedem Gespräch in der Folgezeit ging es um diese Frage.

Warum, warum, warum?

Nach dem plötzlichen Tod eines jungen Menschen braucht unser Verstand Antworten. Wir wollen intellektuell erfassen, was eigentlich nicht zu begreifen ist.

Es gab keinen Abschiedsbrief. Anfangs war ich enttäuscht. „Man, sie hätte mir wirklich eine Erklärung  hinterlassen können!“, dachte ich.  Und ich suchte weiter nach Antworten: auf ihrem Computer, in ihrem Tagebuch, ich suchte nach versteckten Hinweisen, hoffte, irgendwo etwas zu finden, dass der quälenden Ungewissheit ein Ende machte. Nichts.

Kurze Zeit später  gab es eine Situation, die mir die Augen öffnete. Ich saß auf dem Sofa, auf dem Platz, wo ich gesessen hatte, als wir uns das letzte Mal gesehen hatten. Sie hatte rechts von mir gesessen und meine Hand gehalten. Das machte sie immer so gerne –sie nahm einfach meine Hand und streichelte sie.

Nun saß ich also hier und dachte an sie und an unsere letzte Begegnung. An die schöne Erinnerung die ich an diese Begegnung habe.

Und plötzlich wurde mir klar, dass ich sie fühlte! Ich fühlte diese Liebe die zwischen uns war – obwohl sie jetzt nicht neben mir saß. Jedenfalls nicht körperlich. Dennoch konnte ich sie fühlen, die Liebe und meine Tochter.

Das war das Heilmittel für meinen Schmerz:

Die Liebe. Die reine, bedingungslose Liebe.

Warum bedingungslos? Nun, die Bedingung die ich vorher an dieses Gefühl hatte, nämlich ihre körperliche Präsenz, war nicht mehr erfüllbar. Sie war  tot.

Trotzdem konnte ich die Liebe spüren. Diese Erkenntnis war etwas vollkommen Neues für mich.

Statt mich auf ihre Abwesenheit zu fokussieren, auf all das was ich vermisste, konnte ich  jetzt die Liebe zu ihr fühlen. Wenn ich das tat, spürte ich, dass es mir gut ging. Da war keine Traurigkeit, keine Verzweiflung, keine Schwere.

Nur endlose, fließende, reine Liebe zwischen uns. Hin und her. Von mir zu ihr und von ihr zu mir.

Ich hatte den Generalschlüssel zur Heilung gefunden! Ich hatte eine neue Verbindung zu meinem Kind gefunden. Es fühlte sich wunderbar an.

Fortan weigerte ich mich, nach Gründen für ihren Tod zu suchen. Und jedem, der mich fragte, erklärte ich, dass wir nie ‚den einen‘ Grund finden werden und dass das auch nicht mehr wichtig ist. Ich hatte meine Antwort auf alles in der bedingungslosen Liebe gefunden.

Ich glaube, wenn wir unseren Körper verlassen, kehren wir zurück zu reiner Liebe.  Manche nennen diesen Ort ‚Gott‘. Auf jeden Fall lassen wir alles Schwere, allen Kummer, alle Konzepte und Vorstellungen, die unser Menschsein ausmachen und die es uns oft so schwer machen, zurück. Menschen die Nahtod-Erlebnisse hatten, berichten von einem Zustand absoluter Glückseligkeit, Schwerelosigkeit, überfließender Liebe.

Wenn sie jetzt also jetzt in dieser absoluten Liebe war – wie könnte ich sie fühlen, wenn ich in der Trauer über all das, was ich vermisste verharrte? Das wäre ungefähr so, als würden wir auf zwei völlig verschiedenen Frequenzen versuchen miteinander zu kommunizieren. Oder anders ausgedrückt: ich würde die Frequenz von Antenne Bayern an meinem Radio einstellen und hoffen, WDR2 zu empfangen. Funktioniert nicht.

Warum soll ich an die Orte gehen, die mir nicht gut tun?  Das ist doch verrückt! Ich vermisse sie und suche sie da, wo sie garantiert nicht mehr ist. Und werde noch trauriger als zuvor.

Viel lieber stelle ich die ‚Liebes-Frequenz‘ an meinem ‚Schwingungsradio‘ ein. Was dann kommt, nährt und trägt mich. Dadurch, dass das mein Lieblings-Sender ist, ist die Frequenz sozusagen programmiert, genau wie man seinen Lieblings-Sender am Radio auf eine bestimmte Taste programmieren kann. Ich denke an sie und – schwups ist die Verbindung da. Jederzeit. Sie ist immer da. Ich muss es nur zulassen.

Wenn du dir jetzt sagst:
Ja, das klingt ja toll, aber das ist mir einfach zu theoretisch, dann schreibe mir einfach über das Kontaktformular. Ich begleite dich gerne, wenn du eine neue Verbindung zu einem verstorbenen Menschen finden möchtest.

2 Comments

  1. Heike

    Hallo liebe Elke, einige deiner Blogs habe ich gelesen u sofort gespürt, daß du weißt von was du redest. Ich fühle mich so verstanden von dir. Und du regst mich zum nachdenken an
    Ich habe meinen sehr sehr geliebten Sohn letztes Jahr im Januar durch Suizud, mit knapp 21 Jahren, verloren.
    Seither durchlebe ich die schwierigsten u schmerzhaftesten Phasen meines Lebens. Ich drehe mich oft im Kreis. Getrieben von Selbstvorwürfen und Verlustschmerzen.
    Ich hatte aber auch schon ein unerklärbares Erlebnis, als ich in Stille war, und es mich vor Traurigkeit fast zerrissen hat, habe ich meinen Sohn um Hilfe gebeten. Ich habe einen Augenblick später gespürt, daß er da ist. Ich hatte das Gefühl, er lege seine Hände in meine. Er hat gesagt, Mama ich gebe dir Licht in dein Dunkel
    Atme es tief ein.
    Ich denke oft an dieses Erlebnis u möchte lernen, wie ich diese Verbindung intensivieren kann. Ich möchte wie du, nicht am Leben zerbrechen, aber im Moment ist es sehr dunkel um mich herum u die Traurigkeit nimmt mich in Beschlag..
    Herzliche Grüße
    Mariah

    1. Liebe Mariah, danke für deinen Beitrag hier!Es freut mich, dass ich dein Herz berühren kann. Wie wunderschön, dass du deinen geliebten Sohn wahrnehmen kannst. Ich bin nicht ‚über Nacht‘ dahin gekommen, wo ich heue stehe. Es sind bei mir jetzt auch 2,5 Jahre, und ich kenne die Dunkelheit, von der du sprichst sehr gut. Sei geduldig mit dir. Alles braucht seine Zeit, auch die Dunkelheit will durchlebt sein.
      Ich wünsche dir alles Liebe und Gute auf deinem Weg,
      herzliche Grüße, Elke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*