JA zum Leben sagen

„Nein, nein, nein!“, rufen wir aus, wenn uns ein Schicksalsschlag trifft. Instinktiv schlagen wir die Hände vors Gesicht und schließen die Augen ganz fest. Wir wollen es nicht wahrhaben und nicht sehen. Alles in uns zieht sich zusammen. Wir sind in Abwehrstellung. Der Körper macht zu. Unser Herz macht zu.

Währenddessen verändert sich die Situation nicht, die so schlimm für uns ist. Sie IST da. Wir kämpfen und zetern und weinen und schreien – sie bleibt.

Das NEIN ist verständlich und nachvollziehbar und jeder von uns kennt diese Reaktion. Was passiert aber, wenn wir NEIN sagen? Wir sind gefangen in unserem Schmerz und in unserer Seelenqual.

Je öfter wir nein sagen, desto schwerer wird die Last an der wir tragen.

Weil wir uns ohnmächtig fühlen, der schlimmen Situation völlig ausgeliefert und schutzlos.

Was passiert aber, wenn wir stattdessen JA sagen? „Undenkbar, warum soll ich JA zu etwas sagen, was ich nicht will?“, fragst du jetzt vielleicht.

Gute Frage. Vielleicht einfach, um eine andere Strategie auszuprobieren als die, die du bisher angewandt hast? Denn das NEIN hat dich nicht weitergebracht, stimmt’s? (Wohlgemerkt, es geht hier um Situationen, auf die du keine Einflussmöglichkeit hast).

Was passiert nun, wenn du – zumindest innerlich – JA sagst?

Ich habe das erlebt, als meine Tochter starb. Und klar: ich habe NEIN NEIN NEIN! geschrien, habe gekämpft und geweint. Die Situation blieb wie sie war. Andere haben mit mir NEIN geschrien. Die Situation blieb. Und sie war unerträglich schwer und hart. Ich wollte meine Tochter zurück – sie blieb weg.

Ich werden den Augenblick nie vergessen, als es bei mir ‚klick‘ machte: Ich saß im Warteraum des Bestattungsunternehmens. Auf dem Tisch vor mir lagen die Kleidungsstücke, die ich für meine Tochter ausgewählt hatte und die Geschenke, die in ihren Sarg gelegt werden sollten. Das alles wollte ich nur abgeben und wieder gehen. Für mich war klar, ich wollte meine Tochter nicht mehr sehen. Wir hatten uns eine Woche zuvor gesehen und dieses Bild wollte ich mir nicht zerstören lassen, so empfand ich es damals. Während ich so da saß und meinen traurigen Gedanken nachhing, klopfte eine Frage ganz vorsichtig an:

 „Was, wenn du jetzt JA sagen würdest?“

„Nein, ich habe doch schon NEIN gesagt!“

„Aber was, wenn du jetzt trotzdem JA sagst?“

„Ich habe Angst meine Tochter tot zu sehen“, sagte meine innere Stimme.

„Trau dich, du wirst sehen, die Kraft kommt mit deinem JA“, kam von irgendwo her.

Und plötzlich war mein JA da. Ganz klar und deutlich. Es erfüllte mich, breitete sich in meinem Körper aus. Es war, als sei ich durch eine Tür in ein anderes Zimmer gegangen, wo ich zuvor noch nicht mal eine Tür gesehen hatte.

Ja, ich werde Abschied nehmen.

Das fühlt sich plötzlich so richtig an. Und so wichtig. JA. JA. JA.

Mein Widerstand war von einer Sekunde auf die andere geschmolzen. Und gleichzeitig war eine Riesenwelle an Energie mit meinem JA hereingekommen.

Ich war natürlich immer noch traurig. Aber das Leben – und es war ja eine Situation in MEINEM Leben – hatte mein JA.

Dadurch war die Verbindung zu dem Teil von mir, den manche die Seele nennen, das innere Selbst, das Göttliche in mir, hergestellt. Ich wusste einfach, es die richtige Entscheidung für mich war.

Ich glaube, unsere Seele gibt uns Hinweise auf unser Leben durch unsere Gefühle. Sich festgefahren zu fühlen ist immer ein Hinweis darauf, dass wir nicht im Einklang mit unserer Seele oder unserem wahren Selbst handeln. Ich saß in dem Warteraum und fühlte mich nur noch hilflos, ohnmächtig und schutzlos.

In dem Moment, wo ich JA sagte, änderte sich das schlagartig.

Ich fühlte Kraft und Selbstermächtigung. Ich nahm meinen Mut wahr und war stolz auf ihn. Es war, als würde mein Körper sich öffnen, wo er vorher verschlossen war. Spannung fiel von mir ab, die vorher verhindern wollte, dass die Dinge an mich heran kamen.

Dieses große, weite JA begleitete mich auf meinem Trauerweg. Es gab mir die Kraft, um die mich viele bewunderten. Mit jedem kleinen und großen JA kam mehr Kraft. Es war meine Bereitschaft, die neue Lebenssituation so anzunehmen, wie sie nun mal war. Die Entscheidung meiner Tochter anzunehmen – auch wenn ich sie nicht gut hieß.

Ich hatte, wie die meisten von uns, Konzepte davon, wie ein gutes Leben zu sein hat, im Kopf. Wie die Dinge um mich herum sein mussten, damit es mir gut gehen konnte. Diese Konzepte schnitten mich jedoch in meiner größten Lebenskrise von meiner inneren Kraft ab. Das Ja verband mich wieder mit meiner Kraft und mit meiner Seele und es brachte zunächst Linderung und dann Heilung von dem größten Schmerz meines Lebens.

 

 

 

 

 

 

4 Comments

  1. Liebe Elke,
    ich habe deinen Blogbeitrag eben auf Facebook entdeckt und bin tief berührt. Danke für deine Worte. Dieses JA, dieses Annehmen macht einen so großen Unterschied.
    Ich habe es ähnlich erlebt, als mein Lebenspartner gestorben ist. Auf keinen Fall wollte ich ihn noch mal sehen, alles in mir hat sich dagegen gewehrt, ein riesengroßes NEIN. Und dann auf einmal diese Stimme, die sagte: vielleicht ja doch? Und irgendwann wurde sie zum JA und diese Entscheidung, ihn noch einmal zu sehen, hat mir so unglaublich viel Kraft gegeben für meinen Weg durch die Trauer.
    Ganz liebe Grüße
    Silke

    1. Liebe Silke, danke für deinen Beitrag! Ich bin auch sehr froh, dass ich den Mut zum Abschiednehmen damals gefunden habe. Sonst hätte die Fantasie zu viel Spielraum gehabt. Und es war auch ein begreifen und wahrhaben wollen: ja, sie lebt wirklich nicht mehr.
      Liebe Grüße
      Elke

  2. Sandra

    Ich hatte mich nach dem Suizid meiner Mutter auch entschieden, dass ich sie noch mal sehen möchte. Zuvor hatte ich die Bestattungsunternehmerin gefragt, wie sie aussieht und ob ich sehen kann. Sie meinte, sie sähe ganz normal und schön aus. Da habe ich mich dann mit der Mutter meiner besten Freundin getraut. Und es war gut und deutlich weniger schlimm, als befürchtet.

    1. Liebe Sandra! Gut, dass du so mutig sein konntest! Bei uns war es so, dass die Bestatterin mich anrief und mir sagte, meine Tochter sei gut anzusehen. Und ich habe mir genau wie du, Unterstützung mitgenommen. Für mich war das Verabschieden am Sarg unglaublich wichtig, damit meine Phantasie keinen Spielraum mehr hatte. Aber es ist eben auch wichtig, achtsam zu sein, und sich wirklich zu vergewissern, dass es ein Anblick ist, den man verkraften kann.

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