Um Himmels willen – hört einfach zu!

Die Begegnung mit Trauernden macht viele Menschen sprach- und hilflos.

Und dann kommen schon mal unpassende bis geschmacklose Bemerkungen, wie z.B. der Herr –der sicher in der besten Absicht etwas Tröstliches zu sagen – meinte:

„Zum Glück hast du ja noch fünf weitere, gesunde Kinder!“

Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte.

Glaubt wirklich irgendjemand, dass man ein Kind mit einem anderen ersetzen kann? Ich denke nicht.

Schlimm waren auch die Menschen, die sobald sie vom Tod meiner Tochter erfahren haben, mir vom Tod ihres Vaters oder ihrer Mutter berichtet haben. Wie schlimm das für sie war und wie sie mit mir fühlen. Hallo, geht’s noch?

  1. Interessieren mich in der Zeit, in der ich durch meinen größten Schmerz gehe, keine Geschichten fremder Leute. Ich habe gar nicht die Möglichkeit, mich darauf einzulassen.

Wenn ein Elternteil vor dem Kind stirbt, ist das die richtige Reihenfolge. Sorry, aber das sehe ich so. Wenn ein Vater mit 80 Jahren stirbt, ist das sicherlich erst mal schmerzvoll. Aber ganz sicher nicht vergleichbar mit dem Schmerz, den der Tod eines Kindes hinterlässt.

Dieses „ich erzähl dir mal eine Geschichte aus meinem Leben“ ist ein gängiges Phänomen, das ich auch schon bei anderen Gelegenheiten beobachtet habe.

Zwei Personen sind in einer Unterhaltung. Eine von beiden erzählt von einem Problem. Und während sie erzählt, hört die andere Person schon gar nicht mehr zu, sondern überlegt mit welcher Geschichte, die meistens von einem noch größeren Problem handelt, sie gleich aufwarten kann. Und sie wartet auf den Moment, indem die erste Person Luft holt, um übergangslos ihre Story zum Besten zu geben.

Wie achtlos und respektlos dem anderen gegenüber ist das denn?

Warum um alles in der Welt machen wir das? Ist es ein unausgesprochener Wettbewerb: wer hat die schlimmste Geschichte?

Oder wird es gemacht, weil es von der eigenen Hilflosigkeit ablenkt?

Ich kenne einige Menschen, bei denen ich mir jederzeit sicher bin, dass sie ganz bei mir sind, wenn ich ihnen etwas erzähle. Sie hören mir aufmerksam zu, schauen mich intensiv an und unterbrechen mich nicht. Das ist sehr wohltuend!

Ich kann mir vorstellen, wie betroffen es machen kann, wenn einem vom plötzlichen Tod eines geliebten Menschen erzählt wird. Es gab Menschen, die zuhörten und dann einfach sagten: „Ich weiß gerade nicht, was ich sagen soll. Außer: es tut mir sehr, sehr leid.“ Das ist eine ehrliche, aufrichtige Antwort! Nicht jeder ist perfekt in ‚Sozialsprache‘ und hat auf alles eine genau passende Antwort.

Und das ist ja auch gar nicht nötig.

Respektvoll zuhören, präsent sein und dem Drang, die eigene Geschichte zu erzählen, widerstehen. Das ist eigentlich alles. Das drückt wahres Mitgefühl und Menschlichkeit aus.

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