Vom Umgang mit Trauernden

Zugegeben, bevor mein Kind starb, hätte ich auch keine Antwort auf die Frage: „Wie geht man mit Trauernden um?“ gehabt. Und ganz ehrlich: ich weiß nicht, ob ich in einer entsprechenden Situation das Richtige getan hätte. Daher ist dieser Text nicht als Vorwurf zu verstehen sondern als Denkanstoß, als Ermutigung aus dem Versteck herauszukommen und auf Trauernde zuzugehen.

Es gibt übrigens nicht wirklich ein ‚richtig‘ in diesem Fall. Ein ‚falsch‘ gibt es meiner Meinung nach schon. Dazu habe ich etwas in dem Artikel „No-Gos im Umgang mit Trauernden“ geschrieben.

Wenn ich zurückblicke, gab es zwei Menschengruppen in meinem Leben:

Die, die sofort oder später zu Besuch kamen, Emails schrieben, anriefen und auch weiterhin in Kontakt mit mir blieben.Und die, die ‚es‘ zwar wussten, aber sich nicht trauten in irgendeiner Weise Kontakt aufzunehmen. Die auf Tauchstation gingen und sich nicht rührten. Die die Straßenseite oder den Gang im Supermarkt wechselten, wenn sie mir begegneten. Ich habe das sehr wohl wahrgenommen. Und je nach Stimmungslage hat es mich verletzt oder belustigt.Warum ist es für viele so schwer, Kontakt zu Trauernden aufzunehmen?

Ich weiß nicht, was ich sagen soll!

Klar, das verstehe ich sehr gut! Ich hätte es auch nicht gewusst. Man will ja auch nichts Falsches sagen. Und: ja, es ist in der Tat möglich, etwas Falsches zu sagen. Aber noch schlimmer, als etwas Falsches zu sagen ist … gar nicht erst in Kontakt zu treten.

Warum denken wir eigentlich immer, von uns wird in jeder Situation erwartet, etwas Kluges oder wenigstens etwas Tröstliches zu sagen? Warum meinen wir immer, wir müssten mit unserem Sprechwerkzeug aktiv werden und reden…reden….reden?

Ich kann mich heute kaum noch an Worte erinnern, die mir Besucher oder Anrufer damals gesagt haben. Aber woran ich mich sehr wohl erinnern kann ist die Liebe, die Anteilnahme, das Gefühl von Verbundenheit, das mir meine Besucher dagelassen haben. Ich erinnere mich an gemeinsam geweinte Tränen, an bewegte Umarmungen, an ein einfach zusammensitzen und reden. Dabei habe ich oftmals geredet und mein Gegenüber hat einfach nur zugehört.

Lasst euch von den Trauernden führen. Nehmt euch zurück und kommt nicht mit Konzepten, Floskeln oder euren eigenen Geschichten! Hört zu! Und widersteht der Versuchung, eure eigene Interpretation des Geschehenen einzubringen.

Hört einfach zu.

Und wenn der andere nichts oder nicht viel sagt?

Seid präsent! Haltet ihn aus. Ich habe es immer gerne gehabt, wenn meine Besucher mich berührt haben. Sei es in einer Umarmung oder indem jemand einfach meine Hand nahm oder seine Hand auf meinen Arm legte. Diese Gesten drückten wortlos aus: ich bin für dich da, ich fühle mit dir.

Nur wenige können es aushalten, wenn ein anderer weint. Ich meine, ihn weinen zu lassen, ohne direkt trösten zu wollen. Sobald jemand weint, meinen wir, ihn zum aufhören bewegen zu müssen. Dabei ist gerade das Weinen die Sprache der Seele, der Ausdruck, wenn keine Worte da sind oder wenn alle Worte schon gesagt sind. Einen Menschen weinen lassen, bis er für den Augenblick fertig ist. Einfach da sein, ohne einzugreifen.

Diese Art von Umgang empfinde ich als respektvoll. Mit dem anderen sein, ihn wahrnehmen, sich wortlos mit ihm verbinden. Nicht dem anderen etwas überstülpen, das gar nicht zu ihm gehört. Oder ihm Gespräche aufdrängen, die ihn weder nähren noch ihm weiterhelfen.

Ich würde so gerne etwas tun, weiß aber nicht, was!

Das ist eine sehr menschliche Regung. Wir wollen gerne helfen, wenn Menschen die uns am Herzen liegen leiden.

Frage einfach ganz konkret: „Gibt es irgendetwas, das ich für dich tun kann? Gibt es etwas, das dir Erleichterung verschaffen würde?“ Sag bitte nicht am Ende, wenn du schon in der Tür stehst um zu gehen: „Ach, ruf bitte an, wenn du irgendwas brauchst, ja?!“ Dieser Anruf wird niemals kommen. Der trauernde Mensch braucht ganz klare Fragen und ganz klare Angebote.

Meine Besucher brachten z.B. Essen mit. Oder kochten bei mir. Manchen brachten Kuchen zum Kaffee mit. Das wäre in einer ‚normalen‘ Situation unmöglich gewesen. Aber damals war es einfach nur gelebte Liebe. Ich war nicht in der Lage, die einfachsten Dinge der Welt zu erledigen. Und ich war dankbar, dass jemand sie mir abnahm.

Auch das Angebot von Fahrdiensten kann dankbar angenommen werden. Ich war anfangs nicht in der Lage, Auto zu fahren. Das wäre für mich und für andere Verkehrsteilnehmer zu gefährlich gewesen. Ich war sehr dankbar, dass Freundinnen mit mir überall hinfuhren und mich auch vor Ort begleiteten: zum Bestatter, zum Friedhofsverwalter, in die Wohnung meiner Tochter.

Einkaufen war für mich Stress pur. Die vielen Menschen, die Geräuschkulisse, all das war fast körperlich schmerzhaft. Und so war ich froh, dass Freunde für mich einkaufen gingen.

Ich weiß nicht, ob ich das aushalte!

Klar, es ist nicht einfach. Aber was ist denn das Schlimmste, das passieren kann? Die Fassung verlieren und vor anderen Menschen weinen? Jemanden in unermesslichem Schmerz sehen und nicht wirklich etwas für ihn tun können? Ja, das macht betroffen. Das kann ein Gefühl von Hilflosigkeit hinterlassen.

Wir sollten nicht vergessen, dass jedes Haus, auch das eigene, irgendwann einmal ein Trauerhaus sein wird. Wir alle und unsere Familien sind sterblich und eines Tages werden wir ebenfalls um einen Angehörigen weinen. Die Fähigkeit Gefühle zum Ausdruck zu bringen und so füreinander da zu sein, ist etwas, dass das Menschsein ausmacht. Das ist etwas, das uns miteinander verbindet und uns stärkt.

Eine liebe Bekannte und frühere Nachbarin hörte von Sarahs Tod und schrieb sofort: „Ich komme.“ Sie klingelte an der Haustür, kam ins Haus, umarmte mich zur Begrüßung und begann hemmungslos zu schluchzen. Wir standen einige Minuten in inniger Umarmung im Hausflur. Diesen Moment werde ich nie vergessen. Unsere Begegnung hatte nichts Peinliches. Es waren die Tränen einer Mutter, die mit einer Mutter um deren Kind weinte.

Alles darf sein.

Traurigkeit, Hilflosigkeit, weinen, schweigen, reden, umarmen, halten, berühren.

Viele Tränen flossen bei solchen Begegnungen. Manchmal bei mir, manchmal bei meinen Besuchern, manchmal bei uns beiden. Niemand schämte sich dafür. Im Gegenteil. Die Tränen schafften Verbundenheit.

Ich werde nie die Tränen der Menschen vergessen, die uns bei der Abschiedsfeier für Sarah begleitet haben. Frauen und Männer, die mir tränenüberströmt kondolierten. Die keine Worte fanden oder mich nur sprachlos in den Arm nahmen. Das tat so unendlich gut.

Es geht um die Achtsamkeit, um die Geste der Menschlichkeit. Nicht um die Größe der Geste. Wenn jeder einzelne einen kleinen Beitrag zu mehr Wärme und Menschlichkeit leistet, wird die ganze Welt liebevoller!

 

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