Wir dachten, wir seien unverwundbar

Unsere Familie gleicht einer Baumgruppe in einem Park.

Seit vielen Jahren stehen wir zusammen und unsere Baumgruppe ist beständig gewachsen. Wir haben Stürme und Dürre überstanden. Wir sind unterschiedlich und uns doch ähnlich. Jeder ist geliebt in seiner Einzigartigkeit. Niemand erwartet von einer Buche, dass sie Nadeln produziert. Und niemand erwartet von einer Tanne Blätter. Wir freuen uns am Glück und an der Freude des anderen  und wir sind da, wenn es einem von uns nicht gut geht. Unsere Äste ragen in die Kronen der anderen und im Frühjahr entfalten wir uns zur gleichen Zeit. Da wo sich die Äste des einen ausdehnen, hält sich der andere Baum zurück. Wir nehmen Rücksicht aufeinander. Und wir dachten wirklich, wir sind untrennbar.

Im Herbst machen wir uns für den Winter bereit. Wir schützen uns gegenseitig vor dem starken Wind. Einer gibt dem anderen Schatten. Im Sommer holen wir das Wasser aus dem Boden und teilen es.

So haben wir uns über die Jahre entwickelt und haben etliche Jahresringe gemeinsam aufgebaut.

Dann schlug plötzlich der Blitz in einen Baum ein und fällte ihn. Wir, die anderen Bäume, blieben sprachlos zurück. Wir können es einfach nicht glauben, dass unsere so starke Baumgruppe verwundbar ist.     

Wir können es einfach nicht glauben, dass unser außergewöhnlichster Baum nicht mehr da ist. Der uns alle unterhalten hat, unsere Herzen so berührt hat, der Liebe und Fröhlichkeit geradezu verschwenderisch verbreitet hat. Wo wir uns doch so viel gemeinsam vorgenommen hatten….

Wir wünschten uns, einfach einen bösen Traum gehabt zu haben und aufzuwachen.

Doch am nächsten Morgen ist immer  alles so wie es war. Wir fühlen uns nackt und hilflos. Jetzt erst wird jedem von uns bewusst, dass uns dieser eine Baum all die Jahre Schutz und Zuversicht geboten hatte. Jeder von uns bemerkt, dass er auf der Seite die diesem Baum zugewandt war, schwächer entwickelt ist. Die Äste sind kürzer und weniger dicht mit Blättern übersät. Jeder muss jetzt aufpassen, das Gleichgewicht zu bewahren und nicht umzufallen. Der Wind fährt garstig in die schwache Seite.

Wie schön war es doch, als dieser eine Baum noch da war. Warum musste der Blitz ausgerechnet in ihn einschlagen? Wir haben Angst vor dem langen Winter, den wir alleine durchstehen müssen.

Warum konnte der Blitz uns nicht alle treffen? Nie wird irgendein Baum die Lücke schließen können.

Hätten wir am Ende unsere Äste weiter zu ihm hinstrecken sollen, so dass er stärker gewesen wäre?

Die Sonne scheint wie immer und sendet ihre wärmenden Strahlen, doch sie erreichen uns nicht.

Doch trotz aller Verzweiflung  haben wir eine Ahnung, wie es sein könnte:

Wir werden uns im nächsten Frühjahr sehr anstrengen, besonders die Äste an unserer schwachen Seite wachsen zu lassen. Wir könnten versuchen, die leeren Stellen, die unser verlorener Baum hinterlassen hat zu füllen. Ganz vorsichtig, neue Äste wachsen zu lassen. Vielleicht wird der eine oder andere einen Ast wachsen lassen können, der uns an den Baum erinnert, den wir so vermissen.

Es wird dauern, aber wir nehmen uns Zeit. Wir wissen dass es niemals mehr so sein wird wie früher. Aber eines wissen wir genau: wir werden unseren besonderen Baum nie, nie vergessen, denn wir haben ja bis zu 26 Jahresringe gemeinsam mit ihm verbracht. Er wird immer mitten unter uns sein, auch wenn wir ihn nicht sehen können.

Zu jedem Jahresring könnten wir eine gemeinsam erlebte  Geschichte erzählen. Zu den nächsten Jahresringen werden wir eines Tages  erzählen können, wie wir gelernt haben ohne diesen wunderbaren Baum zu leben, wie wir unseren Ästen eine neue Richtung gegeben haben und unseren Platz neu gefunden haben.

 

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